MV Nattenhausen 1919 e.V.

Bezirk 11 Krumbach – Allgäu-Schwäbischer Musikbund

Musikverein Nattenhausen
mv-nattenhausen.de

04.07.1926

 

22. Januar 2016 17:53 Uhr    –    von Peter Bauer

KRUMBACH
Als Georg Beittinger auf einem großen Fass den Takt vorgab
Die 90-jährige Geschichte des ASM-Bezirks 11 Krumbach–Tisogau ist auch ein Rückblick auf geradezu legendäre Anfänge im Jahr 1926.  

Der damals von sieben Kapellen unter der Regie von Georg Beittinger begründete Tiso-Gau hat sich über viele Jahrzehnte weiterentwickelt und ist heute der Bezirk 11 des Allgäu-Schwäbischen Musikbundes (ASM), der ebenfalls 1926 ins Leben gerufen wurde. Aber auch als ASM-Bezirk blieb Tisogau (jetzt zusammengeschrieben) ein Bestandteil des Namens, eine 1926 im Günztal begründete Tradition lebt damit fort.

 

Tiso-Gau? Woher kommt dieses ein wenig fremdartig klingende Wort? In der Deisenhauser Dorfgeschichte ist immer wieder von Tiso die Rede, wohl eine Familie, die um das Jahr 525 im Günztal siedelte und auf die offenbar auch der Name Deisenhausen zurückgeht. Für den Deisenhauser Dorfschullehrer Beittinger war das Wort Tiso bei der Gründung des neuen Musikerzusammenschlusses gewissermaßen eine Steilvorlage. Über die Biografie des Lehrers Georg Beittinger ist im Detail heute wenig bekannt, doch außer Zweifel steht, dass die Musik sein Leben war und es ihm ein Herzensanliegen war, Musiker aus verschiedenen Orten zusammenzubringen. Auch mit dem Gedanken, dass dieser Zusammenschluss das Leistungsniveau der Musiker verbessern könnte.

Frauen kamen erst in den 60er-Jahren dazu

„Musiker“ – das ist im Jahr 1926 ganz wörtlich zu verstehen. Der Blick auf das Bild mit Beittinger auf dem Fass deutet an, dass die Blasmusik damals buchstäblich Männersache war, es gab keine Frauen und Mädchen in den Kapellen, erläutert Franz Alstetter, stellvertretender Vorsitzender des ASM-Bezirks 11. „Die Frauen kamen erst in den 60er-Jahren zur Blasmusik.“

In der Krumbacher Kreuzwirtschaft wird im Januar 1926 der Tiso-Gau offiziell gegründet. „Nachdem der Einberufer kurz den Zweck des Zusammenseins erklärte, waren alle mit der Gründung einer Vereinigung einverstanden“, heißt es in der Meldung des Krumbacher Boten. Gauvorstand wird Eduard Mayer aus Deisenhausen, Georg Beittinger wird Gau-Chorleiter. Und es wird beschlossen, dass es bereits im Juli 1926 in Deisenhausen ein Gaumusikfest geben soll.

Die Anfänge des Tiso-Gaus hat Beittinger in einem schwarz eingebunden Din-A-5-Heft, offensichtlich ein Schulheft des Dorflehrers, handschriftlich festgehalten. Zu lesen ist dort auch, dass jeder Musiker, der am Musikfest teilnimmt, vom Festwirt zwei Liter Bier bekommt. Alstetter schmunzelt, als er die Passage vorliest. Die Leistungen der Dorfmusiker sind im Sommer 1926 aber offensichtlich ausgezeichnet. Beittinger schreibt, dass man „erstaunt war über die Leistungen der Dorfmusiken“. Dem Fest in Deisenhausen sollten in den Jahren danach noch einige Gau-Musikfeste folgen.

Für die Musiker ist die Nazizeit ein markanter Einschnitt

Das stimmungsvolle Fest in Deisenhausen ist wohl auch ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Befindlichkeit in dieser Zeit. Die schlimmsten Folgen des 1918 zu Ende gegangenen Ersten Weltkrieges und der Inflation des Jahres 1923 waren überstanden, die politische Lage hatte sich beruhigt, das Land schien wieder besseren Zeiten entgegen zu gehen. Noch niemand ahnte, wie nur wenige Jahre später die Gewaltherrschaft der Nazis und der Zweite Weltkrieg das Leben verändern sollten. Angesichts dieser bitteren Lebensumstände ist es keine Überraschung, dass, wie Franz Alstetter erklärt, für die Jahre 1934 bis 1948 „keine Einträge und keine sonstigen Aufzeichnungen vorhanden“ seien.

Für die Musiker ist die Nazizeit ein markanter Einschnitt. Musikvereinigungen müssen in dieser Zeit dem Süddeutschen Musikverband (SMV), der eine Untergliederung der sogenannten Reichsmusikkammer ist, zwangsweise beitreten. Das Auftreten von Kapellen ohne SMV-Mitgliedschaft ist verboten. „Jazz wurde nicht geduldet. Werke jüdischer Komponisten und nicht-deutsche Musik mussten aus den Literaturvorräten der Orchester aussortiert werden“, heißt es dazu in der offiziellen Chronik des Allgäu-Schwäbischen Musikbundes.

Die Rückkehr der Lebensfreude

Der musikalische Neubeginn in der Nachkriegszeit steht auch für die Rückkehr der Lebensfreude. 1949 findet in Deisenhausen wieder ein Günztaler Musikfest statt. Eine Rivalität zwischen West (der Tiso-Gau im Günztal) und Ost (der neu gegründete Bezirk 11 des Allgäu-Schwäbischen Musikbundes mit Schwerpunkt in Thannhausen) wird schnell beigelegt. Der 1951 fusionierte ASM-Bezirk 11 umfasst den gesamten damaligen Landkreis Krumbach und heißt nun ASM-Bezirk 11 Krumbach Tisogau. Bezirksleiter (bis 1982) wird der Thannhauser Ludwig Sontheimer. Im Krieg war der Pilot bei Kampfeinsätzen mehrfach mit seinem Flugzeug abgeschossen worden, die Musik wird für ihn zur Botschaft des Friedens. Sontheimers Nachfolger Guntram Schuhmacher steht von 1982 bis 2012 30 Jahre an der Spitze des ASM-Bezirks 11 und sollte die weitere Entwicklung des Bezirks nachhaltig prägen.

Seit dem Jahr 2012 sind Ursbergs Bürgermeister Peter Walburger als Vorsitzender und sein Stellvertreter Franz Alstetter an der Spitze federführend. Für das Jubiläumsjahr haben sie ein umfassendes Programm auf die Beine gestellt. Am Sonntag, 31. Januar, wird es ab 16 Uhr in der Deisenhauser Kirche eine Jubiläumsveranstaltung geben. Spielen wird dort ein extra zusammengestelltes Tisogau-Jubiläumsorchester mit Musikern der Vereine der ersten Stunde. Am Samstag, 9. Juli, wird es dann in Oberbleichen einen weiteren Festakt mit einem Sternmarsch der sieben Gründungskapellen geben. Und wie 1926 Georg Beittinger wird dann Bezirksdirigent Patrick Scheel auf einem Fass stehend dirigieren.

 

 


by Bliss Drive Review